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Projekte in Indien

Indien gehört nach den Kriterien der Weltbank zu den Entwicklungsländern. Über 40% der indischen Bevölkerung lebt von weniger als 1 US$ pro Tag. Das gegenwärtige ökonomische Wachstum ist mit einer explosionsartigen Verstädterung und Motorisierung verbunden. Für das Jahr 2030 wird prognostiziert, dass 2/3 der Bevölkerung in Großstädten leben. Ebenfalls werden 2/3 der Bevölkerung der Mittelschicht angehören und damit Zugang zu Gesundheitsversorgung und motorisiertem Individualverkehr haben.

Gegenwärtig versterben jährlich weit über 100.000 Verkehrsteilnehmer an den Folgen eines Verkehrsunfall, weitere 100.000 tragen dauerhafte Behinderungen davon. Für das Jahr 2030 wird sogar ein Anstieg auf 250.000 Verkehrstote prognostiziert. Problematisch sind weiterhin der begrenzte Zugang zu notfallmedizinischer Versorgung, das Fehlen einer umfassenden Krankenversicherung und regionalspezifische politische und kulturelle Gegebenheiten. Nach Kooperationen mit vietnamesischen Partnern hat die Unfallforschung daher im Jahr 2008 eine intensive Kooperation mit indischen Forschungsinstitutionen begonnen. In 2008 und 2009 verbrachte Dr. Uli Schmucker insgesamt 12 Monate an indischen Forschungseinrichtungen und arbeitete an verschiedenen Verkehrssicherheitsprojekten.

Daraus ist eine bis heute aktive Kooperation mit den folgenden Institutionen entstanden:
- The George Institute India, Hyderabad
- The Public Health Foundation of India, New Delhi
- Transport Research and Injury Prevention Programme der Weltgesundheitsorganisation am Indian Institute of Technology, New Delhi
- mehrere Medizinische Hochschulen in ganz Indien

1. Untersuchungen des Verkehrsunfallgeschehens in Hyderabad, Indien

Das George Institute India ist ein Schwesterinstitut des renommierten George Institute for Global Health mit Niederlassungen in Australien, Indien, China und Großbritannien. Das George Institut India hat in den Jahren 2005 - 2006 ein Unfalldatenregister für Hyderabad, eine südindische Millionenstadt, erstellt. In einer gemeinsamen Analyse von motorisierten Unfällen von Rikscha-Fahrzeugen konnte gezeigt werden, dass Verletzungsmuster und Unfallmechanismus dieser leicht motorisierten Fahrzeuge vergleichbar denen andere schwacher Verkehrsteilnehmer, z.B. Kleinmotorräder, Fahrräder, ist. Die Konstruktion der Rikschas bietet also keinerlei Insassenschutz; im Gegenteil, frühere Untersuchungen zeigten, dass die Verletzungsgefahr für Insassen sogar noch erhöht wird, da vielfach spitze Metallgegenstände in den Fahrgastraum ragen.

55 Ein strukturiertes Nebeneinander verschiedener Fahrzeuge und Fußgänger ist typisch für Indien.

56 Motorisierte Rikschas gehören zu den häufigsten Fahrzeugen in indischen Großstädten.

57 Prominente Metallteile im Fahrgastraum erhöhen die Verletzungsgefahr signifikant







Typischerweise waren Verletzungen der Beine und des Kopfes am häufigsten dokumentiert. Erschreckend ist, dass nahezu kein Verletzter irgendeine Art der ersten Hilfe erhielt. Die Mehrzahl der Verletzten wurde in Rikschas und anderen privaten Fahrzeugen ins Krankenhaus verbracht, da ein formales Rettungswesen nicht bzw. nur ineffizient funktioniert. Dieser Effekt wurde noch verstärkt durch die mehrheitliche Zugehörigkeit der Verletzten zu den unteren sozialen Schichten ohne entsprechende Krankenversicherung. Für die nahe Zukunft soll gemeinsam eine Vor-Ort-Untersuchung motorisierter Rikschas erfolgen, um den technischen Zustand der Fahrzeuge, die Einstellung der Fahrer zu Verkehrssicherheitsfragen und mögliche kostenneutrale Gegenmaßnahmen zu evaluieren.

Weiterhin wurde eine gemeinsame Literaturrecherche zum Problem des Rettungswesens in ganz Indien vorgenommen. Hier zeigte sich nahezu komplettes Fehlen reifer Rettungssysteme, insbesondere in ländlichen Gebieten. Auf Seiten der Politik fehlt eine weisungsbefugte Behörde, so dass auch erhebliche regionale Unterschiede in der Ausübung der Rettung bestehen. Erste Hilfe wird fast nirgendwo geleistet, weder von Laien am Unfallort noch von den Rettungskräften. Zudem sind viele Ärzte und Pflegekräfte schlecht ausgebildet, applizieren falsche Therapien oder verschwenden wertvolle Zeit durch vielfache Verlegungen von Patienten in ungeeignete Krankenhäuser. Folglich entstehen Rettungszeiten von vielen Stunden bis Tagen. In städtischen Gebieten verhindert der extrem dichte Verkehr das Erreichen der Unfallstelle, ganz gleich ob hierzu ein gut ausgerüsteter Krankenwagen zur Verfügung steht oder nicht. Generell wurde der Unfallmechanismus „Verkehrsunfall“ bisher kaum untersucht, so dass grundlegende Daten bisher fehlen. Es muss von einer enormen Dunkelziffer an Verletzten und Getöteten ausgegangen werden, da nach einem Verkehrsunfall vielfach überhaupt keine professionelle medizinische Hilfe gesucht wird. Das Problem des Rettungswesens, also der zeitgerechten Zuführung von Patienten in ein geeignetes Krankenhaus, geeignete logistische und technische Mitteln, ausreichend qualifizierte Rettungskräfte sowie die Einbindung der Rettung in sozioökonomische und kulturelle Rahmenbedingungen wird ein Schwerpunktthema des im Folgenden beschriebenen Projekts thinkAUTO.

2. Das Projekt thinkAUTO

Unfälle geschehen immer im Rahmen komplexer politischer, gesellschaftlicher, juristischer, sozialer, ökonomischer und technologischer Rahmenbedingungen. Weil dies so ist, müssen auch Verkehrssicherheitsmaßnahmen auf diese Rahmenbedingungen eingehen, andernfalls besteht die Gefahr der fehlenden Akzeptanz oder Umsetzbarkeit.

Im Projekt thinkAUTO haben sich daher Forschungseinrichtungen verschiedener Fachrichtungen zusammengeschlossen, um interdisziplinäre Unfallforschung und Verkehrssicherheitsarbeit in indischen Großstädten zu leisten.

Sprecher des Projektes ist Dr. Uli Schmucker von der Unfallforschung Greifswald, weitere Mitglieder sind:
- Unfallkrankenhaus Berlin, Zentrum für Klinische Forschung
- Technische Universität Berlin, Fachbereich Integrierte Verkehrsplanung
- DAIMLER AG, Institut für Technologie und Gesellschaft
- Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung
- Weltgesundheitsorganisation
- die oben genannten indischen Partner

Gegenwärtig werden neue Mitglieder rekrutiert, insbesondere aus dem Bereichen der Klimaforschung, Ingenieurswissenschaften und Politik.

Die bisherigen Aktivitäten zielten auf die Konsolidierung der Arbeitsgruppe durch die Verfassung eines Positionspapiers, Projektpräsentationen in Deutschland und Indien, die Teilnahme an einer Delegationsreise nach Indien unter Führung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) und die Erweiterung des Netzwerkes in Indien und Deutschland.



Aktuelles vom 03.05.2012

Die neueste Publikation der Unfallforschung Greifswald…


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