Unfalldatenerhebung - Hintergrund und Methode
Mecklenburg – Vorpommern nimmt seit Jahren eine exponierte Position in der Unfallstatistik Deutschlands. Als Ursachen werden Geschwindigkeits- und Abstandsmissachtung und auch das Fahren unter Alkoholeinfluss genannt. Allerdings lagen bis vor wenigen Jahren nur begrenzte Informationen zur Unfallentstehung und zu den Verletzungsmechanismen vor. Typisch für unser Bundesland sind die vielen Alleenstrassen – und damit auch die vielen schweren Baumunfälle. Dieser Unfalltyp konnte durch die Greifswalder Unfallforscher erstmals detailliert analysiert werden.
Das Universitätsklinikum Greifswald ist ein überregionales Unfallzentrum und Krankenhaus der Maximalversorgung. Daher lag es nahe, ein ambitioniertes Projekt wie die Unfallforschung an ein solches Zentrum zu binden. Die bestehenden universitären Netzwerke können insbesondere für internationale Kooperationen genutzt werden. In Greifswald und Umgebung hat die Unfallforschung Greifswald ein bundesweit einzigartiges Unfallforschungsprojekt realisiert, welches erstmalig detaillierte Daten schwerer Verkehrsunfälle sammelt, analysiert und die Erkenntnisse nutzbar macht.
Reale Verkehrsunfälle sind in ihrer Entstehung, ihrem Ablauf und bezüglich ihrer Folgen sehr komplex. Das Ziel unserer Unfallanalyse war es, möglichst viele Aspekte, d.h. medizinische, technische und psychologische Dimensionen der Unfallrealität zu erfassen. Hierzu wurde eine interdisziplinäre Unfalldatenerhebung konzipiert. Ziel ist es, mittels einer

sehr detaillierten Erfassung möglichst vieler Parameter die tatsächlichen Unfallabläufe transparent und damit einer wissenschaftlichen Analyse zugänglich zu machen. Wesentlich ist hierbei die Arbeit direkt am Unfallort. Nur so können die vielen Spuren und Hinweise erarbeitet werden, welche nach Räumung der Unfallstelle unwiederbringlich verloren sind. Die Arbeit am Unfallort, mit Unfallverletzten und Angehörigen erfordert viel Erfahrung und Fingerspitzengefühl.

Daher wurden alle Mitarbeiter individuell für die schwierigen Einsätze geschult. Die Einsatzteams bestanden in der Regel aus einem medizinischen und einem technischen Mitarbeiter. Beide konnten mit ihren spezifischen Kenntnissen zur Analyse und Rekonstruktion des Unfallhergangs und zur Beurteilung der entstandenen Verletzungen beitragen. Die Teams waren an 7 Tagen der Woche jeweils 24h im Einsatz. Die Alarmierung erfolgte durch die lokalen Leitstellen. Mit Blaulicht und Signalhorn (d.h. mit Sonder- und Wegerechten) wurde der Unfallort angefahren und unmittelbar mit der Datenerhebung begonnen. Selbstverständlich hatten alle notärztlichen Maßnahmen Vorrang. Unmittelbar nach Ankunft der Einsatzteams am Unfallort wurden die Unfallumgebung, alle Spuren der Fahrzeuge und der medizinische Rettungseinsatz dokumentiert. Hierzu gehören neben Wetter, Lichtverhältnissen und Straßenbeschaffenheit auch alle Bremsspuren, Schleuderspuren und lose Fahrzeugteile. Die Dokumentation des Rettungseinsatzes konzentrierte sich auf die Art und Dauer einzelner Maßnahmen, die Rettung eingeklemmter Personen und die Auswahl des Zielkrankenhauses. In der Nacharbeit wurden dann alle medizinischen Eingriffe (z.B. Operationen), alle genauen Diagnosen und persönliche Daten (z.B. Alter, Größe) aufgenommen. Alle Fahrer wurden gebeten, einen psychodiagnostischen Fragebogen zum Risikoverhalten im Straßenverkehr zu beantworten.

Jedes Unfallfahrzeug wurde durch die technischen Mitarbeiter untersucht, meistens in einer Werkstatt oder auf dem Grundstück des Fahrzeugbesitzers. Hier wurde insbesondere auf verletzungauslösende Fahrzeugteile, auf eventuelle Vorschäden und auf die Verformung des Fahrzeuges geachtet. Von großer Bedeutung sind Fahrzeugteile, die durch die Verformung in die Fahrgastzelle eindringen. Man spricht dann von einer Intrusion. Viele schwerste Verletzungen entstehen durch das Eindringen von Motor, Armaturenbrett oder Pedalen. Mithilfe dieser technischen Daten konnte nachträglich der Unfallablauf in einer Computersimulation dargestellt werden. Pro Unfall wurden mehrere tausend unterschiedlichste Daten gesammelt. Diese wurden in eine spezielle Datenbank eingegeben. Mit der Eingabe wurden die personenbezogenen Daten anonymisiert, so dass bei der nachfolgenden Auswertung eine größtmögliche Sicherheit für die persönlichen Daten gegeben war.
Für die statistische Auswertung wurden verschiedene etablierte Verfahren genutzt um z.B. einzelne Unfallgruppen zu vergleichen, eine Häufung bestimmter Unfallkonstellationen zu finden oder aber auch um Hochrisikogruppen zu identifizieren. Grundsätzlich wurden personenbezogene Daten nur dann erhoben, wenn nach ausführlicher Aufklärung der betroffenen Personen eine Einverständniserklärung unterschrieben wurde.